Black CoffeeDas Publikum hängt an den Lippen des Redners. Die Spannung ist kaum auszuhalten. In dem Saal mit über 500 Zuschauern könnte man eine Nadel fallen hören. Alle möchten wissen, wie seine Geschichte endet.

Dabei geht es eigentlich nur um eine Tasse Kaffee. Jeden Morgen freut er sich auf seine erste Tasse. Dem Redner gelingt es, seine sinnlichen Erlebnisse so präsent werden zu lassen, als würden die Zuschauer selbst gerade an dieser Tasse teilhaben. Doch eines Morgens stimmt etwas nicht. Das ist der Moment, von dem ich erzähle.

Wie kann etwas so Belangloses, wie eine Tasse Kaffee eine so große Spannung erzeugen?

Die Stimme ist der Schlüssel

Es ist die Art, wie der Redner mit seiner Stimme arbeitet. Wenn er den Kaffee riecht, riechen wir den Kaffee mit ihm. Wenn er die fast heiße Tasse umfasst, zucken wir auch kurz zurück, bevor wir fest zupacken. Wenn die wohlige braune Flüssigkeit mit ihrem starken Aroma seinen Gaumen benetzt, wollen wir auch schlucken.

Was passiert hier? Sind es die Worte, die diese Wirkung haben? Können Worte unsere Vorstellungskraft so anregen, dass wir gar nicht anders können, als diesen Kaffeemoment mit dem Redner zu teilen?

Die Antwort ist definitiv nein. Ich habe schon viele gute Redner gehört. Es gehört mehr dazu, um eine Geschichte so präsent zu machen. Ich bin inzwischen überzeugt, dass die Stimme die wichtigste Zutat des Redners ist.

In unserer Stimme kann locker der ganze Kaffeegenuss mitschwingen. Und so Vieles mehr!

Was mache ich dann, wenn meine Stimme nicht so toll ist? Schließlich kann ich nicht ständig meine Stimme verstellen.

Gut so! Denn das wäre falsch. Die Stimme ist die Quelle aller Authentizität. Der Duden gibt für das Wort mehrere Bedeutungen an. Ich glaube allerdings, dass “Echtheit” hier am besten passt.

Unsere Stimme sorgt dafür, dass wir als echt, als Original wahrgenommen werden. Tatsächlich hat jeder Mensch eine einzigartige Frequenz- und Amplitudenstruktur. Unsere Stimme ist bis in die unhörbaren Teile so unverwechselbar wie ein Fingerabdruck.

Verstellen ist also keine Lösung. Allerdings basiert die Qualität unserer Stimme auf dem Trainingszustand unseres Körpers und erlernten Verhaltensweisen. Unsere Stimme ist wie ein Mercedes der S-Klasse. Das Auto und seine Konstruktion ist herausragend. Aber wenn er schlecht gewartet wird und die Werkstatt schlampt, bleibt der Schlitten schließlich genauso oft liegen, wie ein italienischer Kleinwagen.

Kinder lernen reden, aber nicht Redner sein

Wie wir reden, haben wir von unseren Eltern gelernt. Aber selbst das ist noch eine Übertreibung. Denn eigentlich haben wir nur versucht, die unverständlichen Laute der Riesen in unserer Umgebung nachzuahmen. Du weißt schon: “Gutschi, gutschi guu” und “Eiieieieieieieiei”.

Reden involviert so viele Teile unseres Körpers, dass wir einen ganzen Gehirnteil dafür reservieren mussten. Reden ist die anspruchsvollste Fähigkeit, die wir je gelernt haben. Aber wir haben nicht aufgegeben und so lange weiter gearbeitet, bis wir uns mit unserer Umgebung gut austauschen konnten.

Leider endet es hier. Lautbildung ist etwas für Anfänger. Später vergrößern wir lieber unseren Wortschatz. Aber an unserem Stimmapparat arbeiten wir nicht mehr.

Hier trennt sich dann auch die Spreu von einem guten Redner und einem herausragenden Redner. Denn tatsächlich können wir sehr viel tun, um unsere Stimme zu dem S-Klasse Mercedes zu machen, der ihre Bestimmung ist.

Eigenton

Es fängt bei einfachen Dingen an, wie der sog. Indifferenzlage. Die Stimmtrainer Katja Dyckhoff und Thomas Westernhausen nennen es auch den Eigenton. Jeder Redner hat eine Tonlage, in der er sich wohl fühlt, in der seine Stimme maximal entspannt klingt. Ich würde annehmen, dass wir von Natur aus in dieser Eigentonlage sprechen. Tatsächlich sprechen die meisten zu hoch oder zu tief.

Wissenschaftliche Studien haben nachgewiesen, dass Redner in ihrer Eigentonlage als besonders authentisch wahrgenommen werden. Denn in jeder anderen Tonlage schwingt immer etwas Stress mit.

Tipp: Du findest Deine Eigentonlage, wenn Du Dir vorstellst, am Telefon zu sitzen und einen Termin zu vereinbaren. Dein Gegenüber nennt Dir mehrere Zeiten und Du signalisierst aufmerksames Zuhören, indem Du ein weder zustimmendes noch ablehnendes Mhhh von Dir gibst. Dieses Mhhh ist genau Dein Eigenton. Zeichne ihn am besten auf und vergleiche ihn mit der Aufzeichnung eines Deiner Vorträge. Idealerweise sollte Deine Stimme um diesen Eigenton herumschwingen.

Atmung

Der nächste einfach Punkt ist unsere Atmung. Für die Laute unserer Stimme brauchen wir Luft und Resonanzraum. Viele Redner verengen ihren Resonanzraum künstlich, indem sie falsch atmen. Denn unser Zwerchfell könnte sich eigentlich wunderbar bis nach unten in den Bauchraum durchdrücken, wenn wir nicht so gerne im oberen Brustbereich atmen würden. Wer gewohnheitsmäßig in den Bauchraum hineinatmet, hat eine sattere und vollere Stimme als die Redeschluffis, die lieber Superman spielen und ihren Brustraum aufblasen. Aussehen wie Superman, aber reden wie das Sandmännchen – das will bestimmt jeder. 😉

Eigenton und Bauchatmung sind zwei gute erste Schritte. Allerdings gibt es noch viel mehr zu tun.

Denn jetzt geht es ans Eingemachte. Vielleicht kennst Du das Prinzip eines Fitness-Studios? Dort gibt es eine Reihe von Maschinen, mit denen Du die unterschiedlichsten Muskeln trainieren kannst. Wenn Du das erste Mal dort warst, wird Dir vermutlich alles weh tun. Dein Körper ist es nicht gewohnt, so viele Muskeln zu nutzen. Gehst Du in den nächsten Wochen regelmäßig dorthin, dann fällt es Dir immer leichter. Gleichzeitig merkst Du, wie Dir die neuen Muskeln im Alltag helfen. Beim Treppensteigen, beim Tragen schwerer Taschen und die sporadisch auftretenden Kreuzschmerzen sind auch weg.

Training für eine charismatische Stimme

Werfen wir einen Blick auf unseren Redeapparat. Auch hier gibt es Muskeln, die trainiert werden können. Gehen wir zu einem Stimmtraining, ist das vielleicht lästig oder sogar anstrengend. Nehmen wir die Übungen aber mit nach Hause und trainieren regelmäßig, verändert sich alles. Unsere Stimme wird nicht nur kräftiger und sicherer sie wird auch variantenreicher und vielfältiger. Plötzlich kommt Charisma in unsere Rede, ohne dass wir uns darauf konzentrieren müssten. Die Menschen hören uns gerne zu, auch wenn wir gerade keine Rede halten.

Ich halte Redner für Stimmsportler. Was macht ein Leistungssportler unmittelbar vor einem Wettkampf? Er wärmt sich auf. Genau das gleiche machen wir mit unserer Stimme vor einer Rede

Damit sie genau dann ihren besten Moment hat, wenn wir eine Stunde lang vor unseren Publikum eine Höchstleistung bringen.

Ich weiß, es ist enttäuschend, dass ich in diesem Artikel kein vollständiges Trainings- und Stimmaufwärmprogramm mitliefere. Aber zum einen bin ich auch nur ein Anwender und zum anderen gibt es viele spannende Bücher und Seminare zum Thema.  Hier meine zwei wichtigsten Empfehlungen:

Für wichtige Übungen rund um die Stimme

Stimme: Instrument des Erfolgs; Katja Dyckhoff, Thomas Westernhausen, Walhalla Fachverlag, 2007

Bestes Training und Aufwärmen für die Stimme auf der mitgelieferten CD

Love Your Voice:  Use Your Speaking Voice to Create Success, Self-Confidence, and Star-Like Charisma! [With Instructional CD]; Roger Love; Hay House, 2007

Das Kaffee-Ende

Die Geschichte mit dem Kaffee hat der Redner übrigens bis zum Ende offen gehalten.

Kurz vor Schluss ging die Tür auf und eine Kellnerin brachte eine große dampfende Tasse Kaffee hinein. Die Aufklärung folgte auf dem Fuße. Die erste Tasse Kaffee war leider schon kalt geworden. Dem Kaffee fehlte es an Leidenschaft.

Selbst die beste Arbeit ist fade, wenn die Leidenschaft fehlt! Das war genau der Grundtenor seiner ganzen Rede gewesen. So hat er seinen Bogen höchstelegant geschlossen.

Aber das war noch nicht das Ende. Er hatte also auf seine geliebte erste Tasse verzichtet. Auch sonst war heute er nicht dazu gekommen, sich seinen Kaffee zu gönnen.  Daher habe er sich einen quasi als Belohnung für das Ende der Rede bestellt. Er nimmt einen langen genussvollen Schluck Kaffee, während wir im Publikum noch einmal in Begeisterung ausbrechen. Denn das war genial inszeniert!

Anstatt Champagner habe ich danach übrigens viele Zuschauer mit Kaffee herumlaufen sehen. Vielleicht ist der nächste Auftraggeber eine große Kaffeerösterei?

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