Angeblich ist das Reden vor Publikum schlimmer als der Tod. Zumindest in der Vorstellung einiger Menschen. Obwohl ich über 5 Jahre in diversen Toastmasterclubs Mitglied war und immer noch bin, habe ich bisher noch niemanden erlebt, der das so sehen würde.

Aber ich habe natürlich Symptome der Angst gesehen. Die Stimme versagt? Klar, das passiert. Kalter Schweiß? Ja, ist nicht so lecker, wenn Du dem angstschwitzenden Toastmaster die Hand schütteln musst. Und natürlich die Tränen der Hilflosigkeit und Scham, weil die Worte einfach nicht kommen wollen.

Für Scham gibt es keinen Grund. Selbst eine Ikone der Weltgeschichte, wie Mahatma Gandhi schwor sich einst, nie wieder vor Publikum zu reden, nachdem ihm in seiner ersten Gerichtsverhandlung als frischgebackener Anwalt die Stimme versagte. Schamerfüllt rannte er unter dem Gelächter seiner Kollegen aus der Verhandlung.

Gandhi hat trotzdem die Weltgeschichte verändert. Doch dazu gleich noch mehr. Der Anlass für diesen Blog-Beitrag ist der Austritt eines Mitglieds aus einem meiner Toastmasterclubs, weil die Angst zu groß war. Mir persönlich tut so etwas weh. Denn Toastmasters ist für all die Leute gegründet worden, die vor Angst auf der Bühne ihr eigenes Licht nicht zeigen können.

Im ersten Moment auf der Bühne entscheidet sich, ob Du Angst haben wirst oder nicht. Dieser Moment entscheidet über Souveränität oder Unsicherheit. Doch nichts ist entweder schwarz oder weiß. Es gibt diverse Grade der Souveränität und genauso ist es auch mit Unsicherheit. Daher wird Dir meine Drei-Punkte-Checkliste auch dann helfen, wenn Du normalerweise keine Schwierigkeiten hast, vor ein Publikum zu treten.

Checkliste für den ersten Moment

  1. Habe ich meinen (richtigen) Hut auf?
  2. Präsenz?
  3. Person?

Habe ich meinen (richtigen) Hut auf?

Den Ausdruck, den Hut für eine Sache aufzuhaben, hat wahrscheinlich jeder schon einmal gehört. Bei Reden hast Du den Hut auf, wenn Du etwas zu sagen hast. Das ist nicht selbstverständlich.

Im Berufsleben kann es schon einmal passieren, dass ein Vorgesetzter möchte, dass einer seiner Mitarbeiter vor dem Team das Wort ergreift und den Informationsstand zusammenfasst oder etwas erklärt. Eigentlich sollte das kein Problem sein. Denn der Mitarbeiter hat ja eine klar umrissene Aufgabe. Er sollte etwas zu sagen haben.

Der Schlüssel ist hier das Wort “sollte”. Denn wir haben nur dann etwas zu sagen, wenn wir das wollen. Für manche Chefs ist das bloße Semantik. Wer sich aber mit der Geschichte von Mahatma Gandhi befasst, weiß, dass er den ersten Fall als gerade graduierter Anwalt verhandeln sollte. Nur war es nie sein Wunsch, Anwalt zu werden. Es war die Idee seines verstorbenen Vaters. Er hatte ihm in die Hand versprochen, dass er Anwalt werden würde. Als Gandhi dann vor dem vollbesetzten Gerichtssaal sprechen sollte, hatte er nichts zu sagen.

Jahre später wurde er nach Südafrika geschickt, um einem Freund der Familie in einer Rechtsangelegenheit zu unterstützen. Dabei erlebte er aber den Rassismus und die Ungerechtigkeit von Apartheid. Das machte ihn so wütend, dass er schließlich vor Gericht gegen die Auswüchse der Apartheid kämpfte und für seine Landsleute in Südafrika Gleichberechtigung einforderte. In diesem Fall hatte er etwas zu sagen, weil er es wollte. Er hatte den Hut auf. Danach hatte er immer etwas zu sagen.

Aber den Hut aufzuhaben ist erst die halbe Miete. Die Präsentationsexpertin Nancy Duarte sieht eine Rede als Teil einer Heldenreise jeder einzelnen Person im Publikum an. Die Heldenreise ist eine Erzählformel für Geschichten, die wir bereits in der ältesten jemals niedergeschriebenen Geschichte, dem Gilgamesh-Epos der Sumerer wiederfinden. Vermutlich gibt es das Format der Heldenreise noch länger. Aber die Keilschrift der Sumerer ist ihre erste schriftliche Überlieferung. Die Ilias (der Trojanische Krieg) und die Odyssee sind beides ebenfalls Heldenreisen, wie übrigens auch die Nibelungen-Sage.

Eine Heldenreise hat logischerweise einen Helden. Allerdings ist das die Rolle, die Duarte dem Publikum zugedacht hat. Jeder Held hat seinen Mentor, der ihm hilft, Entscheidungen zu treffen und seine Probleme zu lösen. In dieser Rolle sieht Duarte den Redner. Nach ihrer Lesart, bringt der Redner sein Publikum an die Schwelle zum Abenteuer. Der Held muss dann entscheiden, ob er sich in das Abenteuer stürzt oder nicht. Das Publikum muss entscheiden, ob es etwas lernt, sich motivieren lässt oder sogar inspirieren.

Wie wichtig das richtige Rollenverständnis ist, merken wir, wenn ein Redner den falschen Hut trägt. So mancher wähnt sich selbst in der Rolle des Helden. Er kämpft gegen das Böse und die Dummheit, ist clever und vorausschauend und natürlich muss ihn jeder lieb haben. In einem Wort: Anstrengend!

Dem Publikum bleibt dann nur eine Rolle, die dem Helden zumindest ähnelt: Der Gegenspieler. Das kann für den Redner nicht gutgehen. Der richtige Hut bedeutet also, sich selbst als Mentor des Publikums zu verstehen, sich in seinen Dienst zu stellen und sich selbst nicht so wichtig zu nehmen.

Präsenz?

Der zweite Punkt auf der Checkliste heißt “Präsenz”. Körperlich anwesend sind die meisten Redner. Das allein reicht nicht. Präsenz heißt in diesem Fall, zu 100 Prozent im Hier und Jetzt zu sein. Nicht darüber nachzudenken, worüber Du gleich reden wirst oder darüber, dass Du etwas unbeholfen auf die Bühne gestolpert bist. Wenn Du absolut in diesem Moment weilst, kannst Du keine Angst haben. Denn die kommt ja vom denken. Bist Du wirklich präsent, denkst Du gerade überhaupt nichts. Du bist einfach für das Publikum da.

Präsenz nehmen wir auch wahr, wenn wir im Publikum sitzen. Wir merken es, wenn der Redner gerade voll bei der Sache ist und für uns da ist.

Zum Glück muss heute keiner ein Zen-Meister werden, um präsent zu sein. Ich habe vor einiger Zeit einen sehr wertvollen Tipp gelesen, der bei den meisten funktioniert.

Stell Dir vor, Du trittst auf die Bühne. Du redest nicht sofort los. Denn Du stellst erst einmal sicher, dass Du auch wirklich da bist. Daher bewegst Du Deine Zehen in Deinen Schuhen und versuchst sie dabei genau wahrzunehmen. Du spürst jeden einzelnen von ihnen. Für Dich mag das eine komische Vorstellung sein, aber für Deine Zuschauer stehst Du einfach nur einen Moment da. Aber die Achtsamkeit gegenüber Deinen Zehen transportiert Dich direkt ins Hier und Jetzt. Du merkst das sofort, weil Du mit einem Mal keine Aufregung mehr spürst. Das ist der Moment, an dem Du Deine Rede beginnst.

Person

Wenn ich im Publikum sitze, verstehe ich mich nicht als Teil einer formlosen Masse. Ich bin immer noch ich. Ich bin immer noch das Individuum Kai-Jürgen Lietz. Wenn Du Dich an Deine Zuschauer wendest, kannst Du also nicht zum Publikum sprechen. Denn das gibt es gar nicht.

Stattdessen sitzen dort lauter einzelne Personen. In jedem Moment Deiner Rede sprichst Du daher mit einer Person. Natürlich wechselst Du zwischen den Personen, zu denen Du sprichst, damit möglichst jeder etwas von Deiner Aufmerksamkeit hat. So funktioniert das auch mit Augenkontakt.

Die meisten Menschen fühlen sich im Dialog mit einem einzelnen Menschen sehr wohl. Wenn sie erleben, dass die Rede vor einem Publikum nichts anderes ist als ein Gespräch mit einem anderen Menschen, verlieren sie ihre Scheu.

Daher: Auch wenn viele Personen vor Dir sitzen oder stehen. In jedem einzelnen Moment sprichst Du immer zu einer einzelnen Person.

Manch einer wird einwenden, dass es ja auch unangenehm ist, wenn Dich Dein Gesprächspartner permanent anschweigt. Richtig, das ist wirklich unheimlich. Daher wechseln wir ja auch ständig die Person, zu der wir sprechen. So kann das Schweigen des Einzelnen sich gar nicht auf Dich auswirken.

Dieser letzte Punkt auf meiner Checkliste funktioniert in den meisten Redesituationen. Wenn Du allerdings auf einer großen Bühne mit Scheinwerfern vor hunderten von Zuschauern stehst, kannst Du den Einzelnen wegen des Lichts kaum sehen. Du siehst nur ihre Schatten. Das ist allerdings kein Problem. Stell Dir einfach ihre Gesichter vor, am besten lächelnd und zustimmend nickend.

Check, Check, Check!

Jetzt weißt Du, was einen Moment der Souveränität von einem ersten Moment der Unsicherheit auf der Bühne unterscheidet.

Hab etwas zu sagen und sage es in der richtigen Rolle (hab den richtigen Hut auf), sei ganz im Hier und Jetzt (präsent) und sprich zu einzelnen Personen anstatt zu einer formlosen Masse des Publikums.

Der Autor ist zum Zeitpunkt der Veröffentlichung Präsident des Taunus Toastmasters e.V., einem bilingualem Rhetorik-Club in Bad Homburg.

Möchtest Du eine herausragende Rede entwickeln und Dir fehlt noch die richtige Idee dazu? Dann liest Du genau den richtigen Artikel! Ich weiß das, weil Du noch nach der richtigen Idee, dem berühmten Kuss der Muse suchst. Ideengeleitete Reden sind meist ganz gut, aber sie sind selten herausragend.

Der Grund dafür ist das Origami-Geheimnis. Wenn Du schon einmal die kleinen Papierfalt-Kunstwerke der Japaner bewundert hast und Dich selbst daran versucht hast, weißt Du, dass so ein kleiner Papiervogel, -frosch oder -blumenstrauß nur gelingt, wenn Du Dein Papier gleich von Anfang an richtig faltest. Nachträglich kannst Du es nicht mehr korrigieren. Genauso ist es auch mit dem Schreiben einer herausragenden Rede. Wenn Du mit dem dritten Schritt vor dem ersten anfängst – den Ideen – dann gelingt die Rede nicht mehr. Zumindest bleibst Du unter Deinen Möglichkeiten.

Nach diesem Artikel wird Dir die Konzeption Deiner Reden sehr viel leichter fallen, als bisher.

Angenommen, Dein Chef kommt auf Dich zu und wirft Dir eine ungeliebte Aufgabe auf den Tisch. „Hallo Frau Anon, Sie werden eine Rede über NLIGHT, unser neues internes Online-Fortbildungssystem halten!“

Mit dieser Aufgabenbeschreibung kannst Du vielleicht Dein veganes Gurke-Curry-Chiabrot einwickeln, aber nicht arbeiten. Daher fragst Du: „Gerne, Herr Dicker! Was stellen Sie sich denn konkret vor?“ Er zieht kurz die Stirn in Falten, als würde er die Gedanken aus seinem Kopf pressen. „Die Jungs von der IT haben zwar vor ein paar Monaten über NLIGHT informiert, aber das haben die meisten längst vergessen. Daher hat sich auch noch niemand seit dem Start vor einer Woche angemeldet. Ich denke, Sie werden zwei Reden halten müssen. Am Anfang geben Sie den Leuten einen kurzen Überblick, dass wir jetzt live sind und welche Vorteile es gegenüber dem alten System bietet. Zwei Wochen später geben Sie dann eine Einführung, wie man sich im System anmeldet und den Einführungskurs aufruft.“

Nehmen wir das Positive vorweg. Du weißt jetzt, was Dein Chef von Dir erwartet. Unglücklicherweise hat sich Deine Arbeit gerade verdreifacht. Die Information über das neue System ist kein großes Hexenwerk. Aber die ersten Schritte in einem komplett neuen Onlinesystem erklären, da musst Du schon etwas Hirnschmalz investieren. Es hätte allerdings auch schlimmer kommen können. Dazu später mehr.

Bevor Du Dich konkret hinsetzt und die Worte für Deine Rede schmiedest, machst Du Dir allerdings erst einmal Gedanken über Dein Publikum und die Zielsetzung Deiner beiden Reden.

Wo steht Dein Publikum vor Deiner ersten Rede? Einerseits willst Du keine Eulen nach Athen tragen und andererseits willst Du niemanden überfordern. Die Information der „Jungs von der IT“ hat zwar aufgrund des zeitlichen Abstands zum Start von NLIGHT keine messbare Wirkung gehabt. Aber im Kollegenkreis habt Ihr das Thema hin und wieder beim Essen in der Kantine gestreift. Latent wissen die meisten also schon, dass es NLIGHT gibt und wofür es gut ist.

Du musst nicht bei Null anfangen und die Geduld Deiner Zuhörer strapazieren. Stattdessen wirst Du in Deiner Rede daran erinnern, dass NLIGHT jetzt gestartet ist und dass es genau das bietet, was die IT Euch vor Monaten schon versprochen hat. Ziel Deiner Rede soll es sein, Bewusstsein zu wecken und der natürlichen Neugierde eine Chance zu geben.

Die Botschaft Deiner Rede ist einfach. NLIGHT läuft und wartet auf seine Nutzer. Das klingt allerdings etwas dröge. Du willst mehr. Seit der „Yes we can“-Botschaft von Barack Obama sind Dir funktionale Botschaften nicht mehr gut genug. Beinahe automatisch fällt Dir der aktuelle running Gag im Kollegenkreis ein. Bezogen auf Donald Trump meinte der Marketingleiter: „The lights are on, but nobody is at home“ – Ein Spruch, der in den USA normalerweise für etwas vollbusige, wasserstoffblonde Frauen reserviert ist.

In der Zeit danach hat sich der Spruch dann verselbständigt, „Die Zahlen stimmen … aber niemand ist zu Hause“ oder das Budget ist bewilligt … aber niemand ist zu Hause.“ Auf dieser Idee möchtest Du aufbauen. Daher lautet Deine Mitnehmbotschaft für Deine Zuschauer „NLIGHT ist an, aber niemand ist online.“ Im Englischen wäre die Botschaft noch eleganter: „NLIGHT is on, but nobody is on-line“. Leider hältst Du die Rede in Deutsch.

In Deiner zweiten Rede kannst Du zwar voraussetzen, dass Deine Zuhörer inzwischen wissen, was NLIGHT ist. Die meisten werden sogar schon einen ersten Blick darauf geworfen haben. Aber bezogen auf die Bedienung sind die meisten so planlos, wie Du es jetzt gerade bist.

Einen Moment lang ärgerst Du Dich, dass Harry Dicker nicht jemanden gefragt hat, der sich mit dem System schon auskennt. Doch dann wird Dir klar, dass Deine Ahnungslosigkeit ein Segen ist. Denn Dir geht es gerade genauso, wie Deinem Publikum: Keine Ahnung und leichte innere Widerstände, sich mit der neuen Plattform zu beschäftigen. Diese Widerstände sind es, die Dir Sorgen machen. Denn wenn Du sie im Laufe Deiner Rede nicht ausräumst, wirst Du keine Wirkung auf Dein Publikum gehabt haben. Die ganze Arbeit wäre vergebens gewesen.

Doch das ist nicht alles. Ein unsensibler Redner macht die Dinge meist schlimmer. Deshalb versetzt Du Dich kurz in Deine zukünftigen Zuschauer. Wenn Frau Anon kompetent durch NLIGHT navigiert und Dir kleinem Dummerchen erklärt, wie Du Deine ersten Schritte im System machst, dann bekommt sie bei der nächsten Sandwichbestellung „aus Versehen“ eine Wurstsemmel, wenn nicht sogar ein Fleischkäsebrötchen! So viel Gemeinheit hättest Du Dir gar nicht zugetraut! Wie würden das erst Deine Kollegen sehen?

Nein! So wird das nichts. Gute Redner zeigen sich auf der Bühne verwundbar und gewinnen so beim Publikum Glaubwürdigkeit. Daher wirst Du um den Elefanten im Raum nicht herumschleichen. Stattdessen wirst Du Verständnis zeigen, dass ein neues System für alle erst einmal Arbeit bedeutet. Dir geht es ja nicht anders. Du wirst vielleicht eine Geschichte der Irrungen und Wirrungen erzählen, bis Du selbst erst einmal verstanden hast, wie der Hase in NLIGHT läuft. Deshalb teilst Du Deine Erfahrungen mit den anderen, um ihnen Ähnliches zu ersparen.

Damit hast Du auch die Botschaft für Deine Rede: „So läuft der erleuchtete Hase.“ Das kleine Wortspiel zwischen NLIGHT und „erleuchtet“ lässt Dich unwillkürlich lächeln. Vielleicht geht es Deinen Zuschauern ja genauso?
Es sieht so aus, also hättest Du einen erfolgversprechenden Plan. Die Details der beiden Reden schreiben sich ab diesem Moment fast wie von selbst.

Am Anfang dieses Artikels hatte ich Dir versprochen, dass Du nicht auf die Küsse Deiner Muse angewiesen sein wirst. Dein Alter Ego in dieser Geschichte hat sich über die Aufgabenstellung und die Ausgangssituation systematisch zu einem Vortragskonzept durchgearbeitet. Dabei habe ich insgeheim die von mir so genannte Redeschaukel eingesetzt. Mit ihrer Hilfe planen wir alle wichtigen Aspekte unserer Rede: Ausgangssituation, Ziel, Botschaft und Aufwand für den Redner.

Stell Dir einfach vor, Dein Publikum sitzt auf einer Schaukel. Abhängig, ob es schon in Bewegung ist und was Du erreichen willst, musst Du dafür sorgen, dass es in der Freude des Augenblicks immer mehr Schwung gewinnt. Dreh und Angelpunkt ist dabei immer die Botschaft, an der Deine Redeschaukel hängt.

Ausgangssituation – Die Aufgabe

Steigen wir gleich mit der Ausgangssituation ein. Blicke ich zurück, weiß ich heute, was mein blödester Fehler als Redner war: Ignoranz. Unwissenheit gegenüber meinem Publikum und seinen Bedürfnissen. Dan Roam schreibt in seinem Buch „Show and tell“, dass Redner ihr Publikum verändern. Sie verändern seinen Informationsstand, sein Wissen, seine Motivation und seine Überzeugungen. Das sind die vier Grundtypen von Reden, die jeweils eine eigene Strategie erfordern.

In unserem Beispiel hat Dein Alter Ego die Aufgaben gehabt, sein Publikum über NLIGHT zu informieren (Redetyp 1) und in die ersten Schritte auf der Plattform zu unterweisen (Redetyp 2).

Logischerweise ist eine Informationsrede viel leichter zu entwickeln als zum Beispiel eine Überzeugungsrede. Wenn ich jemanden überzeuge, dann ist er nicht nur motiviert, etwas zu tun. Er wird selbst auch andere überzeugen, ohne dass ich nach meiner Rede etwas dazu beitragen muss. Mit anderen Worten, meine Rede muss zuvor außergewöhnlich gewesen sein, damit das passiert.

Publikum

Bezogen auf die jeweilige Aufgabe kann das Publikum völlig unbeleckt oder bereits fortgeschritten sein. Es hat möglicherweise bereits einige Informationen, auf die der Redner aufbauen kann. Es kann vielleicht schon einiges und möchte mehr lernen. Ist eine Rede erforderlich, um es zum Tun zu bewegen, dann ist es vielleicht nicht sonderlich motiviert. Und wenn die Aufgabe „überzeugen“ heißt, dann sind die Zuschauer vermutlich noch skeptisch. Dieser Ausgangspunkt des Publikums bestimmt auch, was eine Rede erreichen kann.

Das Ziel der Rede ist also abhängig vom Stand unseres Publikums. Das habe ich früher manchmal vergessen. Dein Publikum muss Dir außerdem die Erlaubnis geben, es zu bewegen. Wenn Du das als gegeben annimmst, scheiterst Du.

Damit kommen wir zu einem anderen wichtigen Aspekt. Der ehemalige Worldchampion of Public Speaking Craig Valentine schreibt in seinem Buch „World class speaking“, dass Redner verändern, was ihr Publikum denkt, fühlt oder tut. Das klingt ähnlich wie Dan Roam, ist aber eine andere Dimension. Denn hier geht es um die Einstellung/Stimmung der Zuschauer. Was denkt, fühlt und/oder tut unser Publikum bezüglich unseres Themas, wenn wir unsere Rede nicht halten?

Von der Antwort auf diese Frage erfahren wir zwei Dinge. Zum einen, welchen Kurs unser Publikum nehmen würde, wenn wir ihn nicht durch unsere Rede beeinflussen. Ein Politiker will zum Beispiel Wähler überzeugen, nicht für den Gegenkandidaten zu stimmen. Zum anderen erfahren wir, wie unser Publikum gerade aufgelegt ist. So könnte unser Politiker mit Gegenwind konfrontiert sein, weil die Zuschauer seine Partei ablehnen.

Welche Wirkung müssen wir durch unsere Rede und Performance vor dem Publikum erzielen? Je größer die Aufgabe, desto größer der Aufwand. Bei Informations- und Weiterbildungsreden braucht es nicht viel. Die allgemeine gesellschaftliche Konditionierung macht es Dir leicht. Die Reden des Alltags sind Informations- und Weiterbildungsreden. Sie bewegen sich hauptsächlich auf der sachlichen Ebene. Schule, Job und moderne Medien haben unser Publikum konditioniert, dem zu folgen.

Anders sieht es mit Motivationsreden und Überzeugungsreden aus. Denn die Zuschauer begegnen solchen Absichten mit gesunder Skepsis. Hier muss die Rede alle Register ziehen, damit das Publikum emotional beteiligt ist. Oder um im Schaukel-Bild zu bleiben, um genügend Schwung zu haben. Bei den ersten beiden Redetypen beeinflusst der Redner, was seine Zuschauer denken. Bei Redetyp (3) und (4) muss er beeinflussen, wie sein Publikum denkt.

Leider können wir in puncto Einstellung/Stimmung unseres Publikums (was es denkt, fühlt und/oder tut) nur Annahmen treffen. Im Beispiel liegt der Start von NLIGHT bereits eine Woche zurück. Die Mitarbeiter zeigen allerdings kein Interesse. Vielleicht spielt ja auch die Angst vor dem Unbekannten eine Rolle? Wir wissen es nicht. Daher müssen wir uns überlegen, ob unsere Rede für beide Fälle die richtigen Angebote macht.

Der Redner

Es gibt allerdings noch einen weiteren Aspekt, der in der Ausgangssituation eine Rolle spielt. Das Verhältnis von Redner und Publikum. Es gibt Themen, die kann ein Redner aufgrund seiner Vorgeschichte oder Position nicht transportieren. Wenn der Vorgesetzte aus unserem Beispiel das Online-Weiterbildungssystem gegen große interne Widerstände durchgeboxt hat, wäre er der Falsche, um eine neutrale Informations- und später noch eine Weiterbildungsrede zu halten. Anders sieht es aus, wenn er eine Rede halten würde, um die Mitarbeiter zur Nutzung des Systems zu motivieren oder wenn er alle überzeugen wollte, dass dieses System für alle das Leben einfacher macht.

Der Ausgangspunkt beinhaltet also einen komplexen Cocktail.

Nachdem wir jetzt wissen, was der Ausgangspunkt unsers Publikums vor unserer Rede ist, müssen wir uns überlegen, was wir realistischerweise erreichen können. Unsere Redezeit ist begrenzt und die Aufnahmefähigkeit des Publikums ebenfalls. Ein guter Redner kann eventuell mehr Informationen transportieren und mehr Bildungsziele erreichen. Ein hervorragender Redner konzentriert sich dagegen darauf, seine Rede über wenige, wichtige Punkte zu definieren. Kein Zuschauer wird später begeistert erzählen, wie viele Informationen der Redner in kurzer Zeit transportiert hat. Stattdessen wird er davon schwärmen, welchen tiefen Eindruck die Höhepunkte der Rede bei ihm hinterlassen haben. Weniger ist mehr.

Bezogen auf unserer Redeschaukel: Wenn wir die Schaukel von außen immer wilder und weiter stoßen, damit unser Publikum den nötigen Schwung und die Höhe erreicht, ist das weitaus weniger angenehm, als wenn das Publikum selbst den Schwung nimmt und aus Freude immer weiter und höher schaukelt.

Mit dem Ziel der Rede planen wir die Bewegung unseres Publikums. Der Dreh- und Angelpunkt für diese Bewegung ist die Botschaft der Rede. Der gesamte inhaltliche Teil der Rede dient allein der Unterstützung der Botschaft. Wenn Du mehr darüber wissen möchtest, lies einfach „Das Fundament aller guten Reden“.

Deine Entscheidung

Ab jetzt hast Du die Wahl. Entweder Du wartest auf den Kuss der Muse und schreibst eine 08/15 Rede oder Du orientierst Dich an der Redeschaukel und lässt Dich von Deiner Aufgabenstellung leiten. Keine Frage, ich lasse mich auch gerne von der Muse küssen. Der Kuss kommt automatisch, wenn ich die ersten Schritte meiner Redeentwicklung gegangen bin. Allerdings passen bei mir am Ende alle Bilder und Ideen zusammen, wie die Falze im Papier eines Origami-Vogels.

 

das Herz der RedeIch wage einmal eine wilde These. Als Redner ist Dir Eines besonders wichtig: Deine Reden sollen Dich gut aussehen lassen. Noch besser wäre es, wenn Deine Zuschauer danach ein Loblied über Dich anstimmen, Dich empfehlen und die Botschaft Deiner Rede in den letzten Winkel Deutschlands weitertragen.

Obwohl: Vielleicht irre ich mich auch. Vielleicht reicht es Dir, die Sache hinter Dich zu bringen. Vielleicht ist es Dir egal, wenn andere später sagen: „Ich habe keine Ahnung was diese Rede überhaupt sollte.“

Ich kann Dir nicht versprechen, dass Du nach dem Lesen dieses Beitrags so gut bei Deinen Reden aussiehst, dass die Leute landauf landab Loblieder über Dich singen. Aber Du kennst danach einen weiteren wichtigen Baustein für den Erfolg Deiner Reden.

Was ist das Wichtigste bei einer Rede?

Ganz klar! Das Ziel. Dananjaya Hettiarachchi hat es in einmal sehr einfach auf den Punkt gebracht. Was soll unser Publikum nach unserer Rede (1) denken, (2) fühlen oder (3) tun?

Die Antwort auf diese Frage ist das Ziel unserer Rede.

Zum Beispiel wollen wir, dass ein Freund seinen Liebeskummer vergisst (sich besser fühlt) und mit uns ein Bier trinken geht.

Ja! Manchmal besteht unser Publikum nur aus einer Person. Trotzdem gelten dabei die gleichen Regeln, wie wenn wir vor 500 Menschen stehen. Weiterlesen

KJL bei TM»Willst Du Dich der größten Rednerorganisation der Welt anschließen? « Als sich mir diese Frage stellte, war ich schon einige Jahre als Redner unterwegs. Was sollte ich da noch groß lernen?  Toastmasters richtet sich doch in erster Linie an Menschen, die das Reden vor Publikum erst noch für sich entdecken.

Ich irrte mich. Die Treffen folgen einer klaren Agenda, die auf zwei Dinge ausgerichtet ist: Reden und Feedback. Das bringt professionelle Redner genauso voran, wie Einsteiger.

Die Freiheit, nicht zu gefallen

Das Feedback ist Teil der offiziellen Agenda. Freundliche Toastmaster-Kollegen halten zu jeder Deiner Reden eine Feedback-Rede. Das ist spannend! Denn wenn jemand ein paar Minuten über Deine Rede spricht, geht das weit über ein oberflächliches “Gut Gemacht” heraus. Er muss seine Gedanken offenlegen. Sonst hätte er nichts zu sagen. Das ist peinlich. Deshalb passiert es auch nicht. Weiterlesen

Es gibt wahrscheinlich nichts, was bei Publikum und Rednern so beliebt ist wie Geschichten. Es gibt allerdings auch nichts, was an die Zumutung eines schlechten Geschichtenerzählers heranreichen würde. Deshalb an dieser Stelle sieben Erzählertypen, die keiner hören oder sehen möchte:

1. Der Historiker

Er muss alles so erzählen, wie es tatsächlich war. Bei ihm gibt es kein High Noon um 12 Uhr Mittags sondern er führt das Gespräch mit seinem Kollegen um 14:32 Uhr an einem Dienstag im Juni. Der Dialog entwickelt sich auch nicht in wenigen Momenten zu einem heißen Konflikt. Stattdessen erzählt er davon, dass man sich erst auf den neuen Meetingtermin mit dem Kunden einigte, bevor er das Thema der problematischen Zusammenarbeit anspricht. Zur Richtigkeit gehört für ihn auch, dass der Streit sich über mehrere Treffen entwickelte, bis er es schließlich aufgab. An dieser Stelle ist das Publikum bereits im Tiefschlaf.

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no time for losers

Im Frühjahr beginnt wieder der Wettbewerb International Speech in zehntausenden Toastmasterclubs weltweit. Ich werde dabei sein. Der Wettbewerb beim Rhetorik Club Frankfurt findet am 25.03.2015 statt.

Meine letzte Erfahrung mit einem Redewettbewerb liegt nicht weit zurück. Damals wurde ich beim Redewettbewerb Humorvolle Rede disqualifiziert. Ich hatte überzogen:

Es war nicht das Erste Mal, dass ich an mir selbst gescheitert bin. Als professioneller Redner denkst Du Dir: Sogar im Halbschlaf sollest Du die ersten Runden im Wettbewerb gewinnen können. So dachte ich auch bei meinem ersten Wettbewerb, den ich sogar in der ersten Runde verlor. Es war der Wettbewerb Humorvolle Rede im Herbst 2013. Meine Rede selbst war nicht schlecht. Sie war sogar so gut, dass ein Toastmasterkollege sie 18 Monate später noch zitieren konnte. Aber ich war einfach nicht witzig genug. Weiterlesen

image»Es gibt nichts, was es unter der Sonne nicht schon gegeben hätte. Das heißt aber nicht, dass ich deshalb schweigen würde…«

Vielleicht hätte der Redner das tun sollen. Denn bei dieser Einleitung erwarte ich in den nächsten Minuten gepflegte Langeweile.

Was die Sache rettete, war die amüsante Persönlichkeit des Redners. Bis auf die schwache Einleitung erwies er sich als wahrer Meister seines Fachs. Seine Geschichten waren spannend, seine Vergleiche treffend und seine Botschaft kannst Du überall mitnehmen. Allerdings hatte er recht. Alles war schon bekannt. Wir hörten seine Worte und wussten, das hatten wir auch schon an anderer Stelle gelesen oder gehört.

Nichts Neues unter der Sonne

Das ist im heutigen Rednergeschäft natürlich völlig normal. Die Wenigsten haben etwas Neues zu erzählen. Dagegen spricht schon die Herkunft vieler Redner. Sie sind Trainer. Sie werden dafür bezahlt, bewährtes Wissen lernkybernetisch ansprechend zu verpacken und unter die Leute zu bringen. Trainer sollen nichts Neues erzählen. Vor allen Dingen nichts, was sie selbst entwickelt haben.

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