Möchtest Du eine herausragende Rede entwickeln und Dir fehlt noch die richtige Idee dazu? Dann liest Du genau den richtigen Artikel! Ich weiß das, weil Du noch nach der richtigen Idee, dem berühmten Kuss der Muse suchst. Ideengeleitete Reden sind meist ganz gut, aber sie sind selten herausragend.

Der Grund dafür ist das Origami-Geheimnis. Wenn Du schon einmal die kleinen Papierfalt-Kunstwerke der Japaner bewundert hast und Dich selbst daran versucht hast, weißt Du, dass so ein kleiner Papiervogel, -frosch oder -blumenstrauß nur gelingt, wenn Du Dein Papier gleich von Anfang an richtig faltest. Nachträglich kannst Du es nicht mehr korrigieren. Genauso ist es auch mit dem Schreiben einer herausragenden Rede. Wenn Du mit dem dritten Schritt vor dem ersten anfängst – den Ideen – dann gelingt die Rede nicht mehr. Zumindest bleibst Du unter Deinen Möglichkeiten.

Nach diesem Artikel wird Dir die Konzeption Deiner Reden sehr viel leichter fallen, als bisher.

Angenommen, Dein Chef kommt auf Dich zu und wirft Dir eine ungeliebte Aufgabe auf den Tisch. „Hallo Frau Anon, Sie werden eine Rede über NLIGHT, unser neues internes Online-Fortbildungssystem halten!“

Mit dieser Aufgabenbeschreibung kannst Du vielleicht Dein veganes Gurke-Curry-Chiabrot einwickeln, aber nicht arbeiten. Daher fragst Du: „Gerne, Herr Dicker! Was stellen Sie sich denn konkret vor?“ Er zieht kurz die Stirn in Falten, als würde er die Gedanken aus seinem Kopf pressen. „Die Jungs von der IT haben zwar vor ein paar Monaten über NLIGHT informiert, aber das haben die meisten längst vergessen. Daher hat sich auch noch niemand seit dem Start vor einer Woche angemeldet. Ich denke, Sie werden zwei Reden halten müssen. Am Anfang geben Sie den Leuten einen kurzen Überblick, dass wir jetzt live sind und welche Vorteile es gegenüber dem alten System bietet. Zwei Wochen später geben Sie dann eine Einführung, wie man sich im System anmeldet und den Einführungskurs aufruft.“

Nehmen wir das Positive vorweg. Du weißt jetzt, was Dein Chef von Dir erwartet. Unglücklicherweise hat sich Deine Arbeit gerade verdreifacht. Die Information über das neue System ist kein großes Hexenwerk. Aber die ersten Schritte in einem komplett neuen Onlinesystem erklären, da musst Du schon etwas Hirnschmalz investieren. Es hätte allerdings auch schlimmer kommen können. Dazu später mehr.

Bevor Du Dich konkret hinsetzt und die Worte für Deine Rede schmiedest, machst Du Dir allerdings erst einmal Gedanken über Dein Publikum und die Zielsetzung Deiner beiden Reden.

Wo steht Dein Publikum vor Deiner ersten Rede? Einerseits willst Du keine Eulen nach Athen tragen und andererseits willst Du niemanden überfordern. Die Information der „Jungs von der IT“ hat zwar aufgrund des zeitlichen Abstands zum Start von NLIGHT keine messbare Wirkung gehabt. Aber im Kollegenkreis habt Ihr das Thema hin und wieder beim Essen in der Kantine gestreift. Latent wissen die meisten also schon, dass es NLIGHT gibt und wofür es gut ist.

Du musst nicht bei Null anfangen und die Geduld Deiner Zuhörer strapazieren. Stattdessen wirst Du in Deiner Rede daran erinnern, dass NLIGHT jetzt gestartet ist und dass es genau das bietet, was die IT Euch vor Monaten schon versprochen hat. Ziel Deiner Rede soll es sein, Bewusstsein zu wecken und der natürlichen Neugierde eine Chance zu geben.

Die Botschaft Deiner Rede ist einfach. NLIGHT läuft und wartet auf seine Nutzer. Das klingt allerdings etwas dröge. Du willst mehr. Seit der „Yes we can“-Botschaft von Barack Obama sind Dir funktionale Botschaften nicht mehr gut genug. Beinahe automatisch fällt Dir der aktuelle running Gag im Kollegenkreis ein. Bezogen auf Donald Trump meinte der Marketingleiter: „The lights are on, but nobody is at home“ – Ein Spruch, der in den USA normalerweise für etwas vollbusige, wasserstoffblonde Frauen reserviert ist.

In der Zeit danach hat sich der Spruch dann verselbständigt, „Die Zahlen stimmen … aber niemand ist zu Hause“ oder das Budget ist bewilligt … aber niemand ist zu Hause.“ Auf dieser Idee möchtest Du aufbauen. Daher lautet Deine Mitnehmbotschaft für Deine Zuschauer „NLIGHT ist an, aber niemand ist online.“ Im Englischen wäre die Botschaft noch eleganter: „NLIGHT is on, but nobody is on-line“. Leider hältst Du die Rede in Deutsch.

In Deiner zweiten Rede kannst Du zwar voraussetzen, dass Deine Zuhörer inzwischen wissen, was NLIGHT ist. Die meisten werden sogar schon einen ersten Blick darauf geworfen haben. Aber bezogen auf die Bedienung sind die meisten so planlos, wie Du es jetzt gerade bist.

Einen Moment lang ärgerst Du Dich, dass Harry Dicker nicht jemanden gefragt hat, der sich mit dem System schon auskennt. Doch dann wird Dir klar, dass Deine Ahnungslosigkeit ein Segen ist. Denn Dir geht es gerade genauso, wie Deinem Publikum: Keine Ahnung und leichte innere Widerstände, sich mit der neuen Plattform zu beschäftigen. Diese Widerstände sind es, die Dir Sorgen machen. Denn wenn Du sie im Laufe Deiner Rede nicht ausräumst, wirst Du keine Wirkung auf Dein Publikum gehabt haben. Die ganze Arbeit wäre vergebens gewesen.

Doch das ist nicht alles. Ein unsensibler Redner macht die Dinge meist schlimmer. Deshalb versetzt Du Dich kurz in Deine zukünftigen Zuschauer. Wenn Frau Anon kompetent durch NLIGHT navigiert und Dir kleinem Dummerchen erklärt, wie Du Deine ersten Schritte im System machst, dann bekommt sie bei der nächsten Sandwichbestellung „aus Versehen“ eine Wurstsemmel, wenn nicht sogar ein Fleischkäsebrötchen! So viel Gemeinheit hättest Du Dir gar nicht zugetraut! Wie würden das erst Deine Kollegen sehen?

Nein! So wird das nichts. Gute Redner zeigen sich auf der Bühne verwundbar und gewinnen so beim Publikum Glaubwürdigkeit. Daher wirst Du um den Elefanten im Raum nicht herumschleichen. Stattdessen wirst Du Verständnis zeigen, dass ein neues System für alle erst einmal Arbeit bedeutet. Dir geht es ja nicht anders. Du wirst vielleicht eine Geschichte der Irrungen und Wirrungen erzählen, bis Du selbst erst einmal verstanden hast, wie der Hase in NLIGHT läuft. Deshalb teilst Du Deine Erfahrungen mit den anderen, um ihnen Ähnliches zu ersparen.

Damit hast Du auch die Botschaft für Deine Rede: „So läuft der erleuchtete Hase.“ Das kleine Wortspiel zwischen NLIGHT und „erleuchtet“ lässt Dich unwillkürlich lächeln. Vielleicht geht es Deinen Zuschauern ja genauso?
Es sieht so aus, also hättest Du einen erfolgversprechenden Plan. Die Details der beiden Reden schreiben sich ab diesem Moment fast wie von selbst.

Am Anfang dieses Artikels hatte ich Dir versprochen, dass Du nicht auf die Küsse Deiner Muse angewiesen sein wirst. Dein Alter Ego in dieser Geschichte hat sich über die Aufgabenstellung und die Ausgangssituation systematisch zu einem Vortragskonzept durchgearbeitet. Dabei habe ich insgeheim die von mir so genannte Redeschaukel eingesetzt. Mit ihrer Hilfe planen wir alle wichtigen Aspekte unserer Rede: Ausgangssituation, Ziel, Botschaft und Aufwand für den Redner.

Stell Dir einfach vor, Dein Publikum sitzt auf einer Schaukel. Abhängig, ob es schon in Bewegung ist und was Du erreichen willst, musst Du dafür sorgen, dass es in der Freude des Augenblicks immer mehr Schwung gewinnt. Dreh und Angelpunkt ist dabei immer die Botschaft, an der Deine Redeschaukel hängt.

Ausgangssituation – Die Aufgabe

Steigen wir gleich mit der Ausgangssituation ein. Blicke ich zurück, weiß ich heute, was mein blödester Fehler als Redner war: Ignoranz. Unwissenheit gegenüber meinem Publikum und seinen Bedürfnissen. Dan Roam schreibt in seinem Buch „Show and tell“, dass Redner ihr Publikum verändern. Sie verändern seinen Informationsstand, sein Wissen, seine Motivation und seine Überzeugungen. Das sind die vier Grundtypen von Reden, die jeweils eine eigene Strategie erfordern.

In unserem Beispiel hat Dein Alter Ego die Aufgaben gehabt, sein Publikum über NLIGHT zu informieren (Redetyp 1) und in die ersten Schritte auf der Plattform zu unterweisen (Redetyp 2).

Logischerweise ist eine Informationsrede viel leichter zu entwickeln als zum Beispiel eine Überzeugungsrede. Wenn ich jemanden überzeuge, dann ist er nicht nur motiviert, etwas zu tun. Er wird selbst auch andere überzeugen, ohne dass ich nach meiner Rede etwas dazu beitragen muss. Mit anderen Worten, meine Rede muss zuvor außergewöhnlich gewesen sein, damit das passiert.

Publikum

Bezogen auf die jeweilige Aufgabe kann das Publikum völlig unbeleckt oder bereits fortgeschritten sein. Es hat möglicherweise bereits einige Informationen, auf die der Redner aufbauen kann. Es kann vielleicht schon einiges und möchte mehr lernen. Ist eine Rede erforderlich, um es zum Tun zu bewegen, dann ist es vielleicht nicht sonderlich motiviert. Und wenn die Aufgabe „überzeugen“ heißt, dann sind die Zuschauer vermutlich noch skeptisch. Dieser Ausgangspunkt des Publikums bestimmt auch, was eine Rede erreichen kann.

Das Ziel der Rede ist also abhängig vom Stand unseres Publikums. Das habe ich früher manchmal vergessen. Dein Publikum muss Dir außerdem die Erlaubnis geben, es zu bewegen. Wenn Du das als gegeben annimmst, scheiterst Du.

Damit kommen wir zu einem anderen wichtigen Aspekt. Der ehemalige Worldchampion of Public Speaking Craig Valentine schreibt in seinem Buch „World class speaking“, dass Redner verändern, was ihr Publikum denkt, fühlt oder tut. Das klingt ähnlich wie Dan Roam, ist aber eine andere Dimension. Denn hier geht es um die Einstellung/Stimmung der Zuschauer. Was denkt, fühlt und/oder tut unser Publikum bezüglich unseres Themas, wenn wir unsere Rede nicht halten?

Von der Antwort auf diese Frage erfahren wir zwei Dinge. Zum einen, welchen Kurs unser Publikum nehmen würde, wenn wir ihn nicht durch unsere Rede beeinflussen. Ein Politiker will zum Beispiel Wähler überzeugen, nicht für den Gegenkandidaten zu stimmen. Zum anderen erfahren wir, wie unser Publikum gerade aufgelegt ist. So könnte unser Politiker mit Gegenwind konfrontiert sein, weil die Zuschauer seine Partei ablehnen.

Welche Wirkung müssen wir durch unsere Rede und Performance vor dem Publikum erzielen? Je größer die Aufgabe, desto größer der Aufwand. Bei Informations- und Weiterbildungsreden braucht es nicht viel. Die allgemeine gesellschaftliche Konditionierung macht es Dir leicht. Die Reden des Alltags sind Informations- und Weiterbildungsreden. Sie bewegen sich hauptsächlich auf der sachlichen Ebene. Schule, Job und moderne Medien haben unser Publikum konditioniert, dem zu folgen.

Anders sieht es mit Motivationsreden und Überzeugungsreden aus. Denn die Zuschauer begegnen solchen Absichten mit gesunder Skepsis. Hier muss die Rede alle Register ziehen, damit das Publikum emotional beteiligt ist. Oder um im Schaukel-Bild zu bleiben, um genügend Schwung zu haben. Bei den ersten beiden Redetypen beeinflusst der Redner, was seine Zuschauer denken. Bei Redetyp (3) und (4) muss er beeinflussen, wie sein Publikum denkt.

Leider können wir in puncto Einstellung/Stimmung unseres Publikums (was es denkt, fühlt und/oder tut) nur Annahmen treffen. Im Beispiel liegt der Start von NLIGHT bereits eine Woche zurück. Die Mitarbeiter zeigen allerdings kein Interesse. Vielleicht spielt ja auch die Angst vor dem Unbekannten eine Rolle? Wir wissen es nicht. Daher müssen wir uns überlegen, ob unsere Rede für beide Fälle die richtigen Angebote macht.

Der Redner

Es gibt allerdings noch einen weiteren Aspekt, der in der Ausgangssituation eine Rolle spielt. Das Verhältnis von Redner und Publikum. Es gibt Themen, die kann ein Redner aufgrund seiner Vorgeschichte oder Position nicht transportieren. Wenn der Vorgesetzte aus unserem Beispiel das Online-Weiterbildungssystem gegen große interne Widerstände durchgeboxt hat, wäre er der Falsche, um eine neutrale Informations- und später noch eine Weiterbildungsrede zu halten. Anders sieht es aus, wenn er eine Rede halten würde, um die Mitarbeiter zur Nutzung des Systems zu motivieren oder wenn er alle überzeugen wollte, dass dieses System für alle das Leben einfacher macht.

Der Ausgangspunkt beinhaltet also einen komplexen Cocktail.

Nachdem wir jetzt wissen, was der Ausgangspunkt unsers Publikums vor unserer Rede ist, müssen wir uns überlegen, was wir realistischerweise erreichen können. Unsere Redezeit ist begrenzt und die Aufnahmefähigkeit des Publikums ebenfalls. Ein guter Redner kann eventuell mehr Informationen transportieren und mehr Bildungsziele erreichen. Ein hervorragender Redner konzentriert sich dagegen darauf, seine Rede über wenige, wichtige Punkte zu definieren. Kein Zuschauer wird später begeistert erzählen, wie viele Informationen der Redner in kurzer Zeit transportiert hat. Stattdessen wird er davon schwärmen, welchen tiefen Eindruck die Höhepunkte der Rede bei ihm hinterlassen haben. Weniger ist mehr.

Bezogen auf unserer Redeschaukel: Wenn wir die Schaukel von außen immer wilder und weiter stoßen, damit unser Publikum den nötigen Schwung und die Höhe erreicht, ist das weitaus weniger angenehm, als wenn das Publikum selbst den Schwung nimmt und aus Freude immer weiter und höher schaukelt.

Mit dem Ziel der Rede planen wir die Bewegung unseres Publikums. Der Dreh- und Angelpunkt für diese Bewegung ist die Botschaft der Rede. Der gesamte inhaltliche Teil der Rede dient allein der Unterstützung der Botschaft. Wenn Du mehr darüber wissen möchtest, lies einfach „Das Fundament aller guten Reden“.

Deine Entscheidung

Ab jetzt hast Du die Wahl. Entweder Du wartest auf den Kuss der Muse und schreibst eine 08/15 Rede oder Du orientierst Dich an der Redeschaukel und lässt Dich von Deiner Aufgabenstellung leiten. Keine Frage, ich lasse mich auch gerne von der Muse küssen. Der Kuss kommt automatisch, wenn ich die ersten Schritte meiner Redeentwicklung gegangen bin. Allerdings passen bei mir am Ende alle Bilder und Ideen zusammen, wie die Falze im Papier eines Origami-Vogels.