Ein Original ist ein Original

By Kai-Jürgen Lietz • In Marketing, Publikum, Reputation1 Comments

Redner KJL beide Arme ausgebreitetHast Du schon einmal ein Geschenk bekommen, das in recyceltes Geschenkpapier eingewickelt war?

Ich weiß es ehrlich gesagt nicht. Obwohl ich schon hin und wieder erlebe, wie Freunde und Bekannte meine Mitbringsel ganz vorsichtig auspacken, um das “schöne Papier” nicht zu beschädigen.

Würde ich es aber merken, dann hätte ich vermutlich ein seltsames Gefühl. Bin ich es dem anderen nicht wert, ein unbenutztes Geschenkpapier zu verwenden? Bin ich ein Bekannter zweiter Klasse für ihn? Oder geht es ihm so schlecht, dass er sich kein Geschenkpapier leisten kann? Soll ich das Geschenk überhaupt annehmen?

So ähnlich ergeht es mir, wenn ich dem einen oder anderen Redner zuhöre. Manche Geschichten und Beispiele werden immer wieder neu aufgewärmt. Als vor rund zwei Jahren Matthias Garten das erste Mal in seinem Vortrag vom “betreuten Lesen” sprach, habe ich Tränen gelacht. Er bezeichnete damit Reden mit sehr textlastigen Folien.  Letzte Woche auf der Präsentationskonferenz hat Nils Bäumer den gleichen Satz benutzt, genauso wie natürlich Matthias Garten.

Das ist unangenehm. Mindestens einer hat sein Geschenkpapier recycelt. Letzten Donnerstag erzählt mit eine Toastmasterkollegin von einer Rednerin, die auf dem Marketingsymposium in Mainz sprach. Das Symposium fand parallel zur Präsentationskonferenz in Mainz statt. Meine Kollegin erzählte mir davon, dass sie herzhaft darüber lachen musste, als die patente Unternehmerin, deren Namen sie bezeichnenderweise nicht mehr wusste,  vom “betreuten Lesen” in Powerpoint-Präsentationen gesprochen hatte.

Nichts ist so stark, wie eine Idee, deren Zeit gekommen ist, soll Victor Hugo einmal gesagt haben. Bei witzigen Redewendungen scheint das Gegenteil zuzutreffen.

Ich weiß nicht, ob Matthias der Urheber des Bonmots über betreutes Lesen ist, aber spätestens jetzt muss er sich überlegen, ob er es noch weiter verwenden will. Denn gute Redner nutzen vornehmlich ihre eigenen Worte. In diesem Fall geistert die Redewendung auf so vielen Veranstaltungen umher, dass es schwer wird, sich noch glaubwürdig als Urheber darzustellen.

Originalität ist wichtig. Selbst bei einer Laienorganisation, wie Toastmasters international muss ich als Teilnehmer eines Wettbewerbs unterschreiben, dass meine Rede ein Original ist. Denn bei Toastmasters wird die Kunst, eine gute Rede zu schreiben geschätzt. Die Kopie einer guten Rede dagegen nicht.

Warum ist mir Originalität so wichtig? Eine Rede ist eine persönliche Botschaft. Wir könnten uns viel Zeit sparen, wenn wir einfach einen Artikel dazu lesen oder einen Fernsehbericht. Doch das tun wir nicht. Wir hören uns die Rede an, weil der Redner selbst ein Original ist. Er verkauft uns seine Ideen und Vorstellungen.

Ich weiß, dass es nur ganz wenige Menschen gibt, die heute noch eine neue Botschaft verkaufen. Das ist in Ordnung. Schließlich hat die Menschheit auch rund 12.000 Jahre auf dem Buckel. Da wird es schwer, etwas wirklich Neues zu finden. Aber ich erwarte, dass der Redner seine Inhalte selbst verpackt. Die Worte eines anderen – seien sie auch noch so witzig – werden immer fader, je häufiger sie durch den Mund eines weiteren Redners wandern. Da bekommt das Wort “ausgelutscht” eine ganz eigene Bedeutung.

Ich kann den Beweggrund natürlich verstehen. Es gibt nahezu nichts schwereres, als eine humorvolle Rede zu entwickeln. Der Humorspezialist John Vorhaus geht davon aus, dass von zehn Gags nur einer beim Publikum zündet. Was bei komischen Serien im TV kein Problem ist, wird für den Redner zum Albtraum. Er muss die feine Balance bewahren, die seine unterhaltsame, aber kompetente Rede vor dem Absturz in allzu leichtgewichtige Regionen bewahrt. Er kann nicht hundert witzige Wendungen einbauen, damit sein Publikum zehn Mal lacht.

Rede-Gold

Eine erprobte humorvolle Wendung, bei der das Publikum gerne lacht, ist daher Gold wert. Zur Premiere einer Rede zünden oft noch nicht alle Ideen beim Publikum. Ich muss ich die Rede ein paar Mal halten, um das Rede-Gold von den schwereren Rede-Steinen zu trennen. Das ist auch einer der Gründe, warum ich jede Rede aufzeichne. Denn nicht selten lacht das Publikum an Stellen, für die ich das gar nicht geplant habe. Daraus lerne ich einerseits etwas über mein Publikum und anderseits kann ich diese Stellen später noch stärker verdichten, um sie noch mehr auf den Punkt zu bringen.

Gold-Räuber

Wer sich das Rede-Gold anderer Redner zu eigen macht, fliegt früher oder später bei seinem Publikum auf. Für den Ruf des Redners ist das wie Salzsäure. Noch vor seinen Augen, beginnt die Begeisterung, die er in seinem Publikum ausgelöst hat zu verschwinden. Für seine Zuhörer hat er sich gerade vom Redner zum Entertainer degradiert. Der Weg vom Original zum Cover ist nur eine Redewendung lang.

Nehmen wir die Wendung des betreuten Lesens. Nachdem Nils Bäumer sie gebraucht hatte, fragte ich mich sofort, welche seiner anderen Impulse noch kopiert sein könnten. Ich möchte ihm ja glauben, dass alles andere seiner Rede von ihm ist, aber der Zweifel bleibt.

Könnte es nicht sein, dass Herr Bäumer diese Wendung entwickelt hat und Matthias Garten sie von ihm hat? Möglich ist alles. Doch ich glaube das nicht. Zum einen liegt das daran, dass ich große Stücke auf Matthias gebe und zum anderen, dass ich die Wendung das erste Mal bei ihm gehört habe.

Könnte ich mich täuschen? Natürlich könnte ich! Das ist der gemeine Aspekt der Copycats. Sie schaden sogar dem echten Urheber und machen ihn indirekt unglaubwürdig.

Fremdes Gold ausstellen

Dabei geht es doch ganz einfach. Wenn eine Sache nicht von mir ist, dann nenne ich den Urheber. Zum Beispiel: “Wie mein Kollege Matthias Garten so gerne sagt – das ist betreutes Lesen.” So ist jedem klar, dieser Redner zitiert zwar die eine oder andere witzige Wendung, aber er schmückt sich nicht mit fremdem Gold. Daher vertraue ich ihm, dass alles andere von ihm ist.

Das ist nicht schwer.  Was aber sollen wir machen, wenn der Verfasser nicht bekannt ist, weil der Redner, von dem wir das Zitat haben, seine Quelle verschwiegen hat? Kein Problem! Wir reden hier ja von keiner wissenschaftlichen Arbeit. Und wenn es der Osterhase persönlich ist, den Du zitierst. Es geht nur darum, dass Du Dich nicht mit fremdem Rede-Gold schmückst und damit beim Publikum auffliegst.

Denk einmal kurz darüber nach. Wir wissen, dass jeder Mensch ein Unikat ist. Dafür sorgen seine Gene, Umwelteinflüsse und seine einzigartige Gehirnentwicklung. Jeder Redner ist also von Natur aus ein Original.  Dieses Original will Dein Publikum sehen und erleben. Papageien gibt es schon genug.

Hast Du auch schon recycelte Redewendungen erlebt? Erzähle mir und den anderen Lesern des Keynoteblogs davon!

One Comment

  1. Wimmer Jutta 2. Dezember 2013 20:52

    Das “betreute Lesen” habe ich 2009 in einem Vortrag in München schon einmal gehört von einem Rhetorik-Trainer… ist also durchaus noch viel älter…

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