Gestörte Redner brauchen keine Hilfe

By Kai-Jürgen Lietz • In Erfahrung, Publikum, Reden, Training1 Comments

Der beste Vortrag kann in die Binsen gehen, wenn der Redner gestört wird. Mit manchen Störungen müssen wir uns abfinden, anderen können wir entgegenwirken und wir können vor allen Dingen vorbereitet sein.

Gespannte Stille macht sich in der Weststadtbar breit. Gleich beginnen die Vorträge der Sternstunde für Unternehmer. Alle sind gespannt, was jetzt kommt. Alle? Nein, ein Besucher möchte lieber seine Unterhaltung fortführen. Schließlich scheint sein Gegenüber ihm ja andachtsvoll zuzuhören. Ich bin der erste von sechs Rednern. Soll ich den Schwätzer zum Schweigen bringen? Nein, ich wüsste ja nicht einmal, wie. Bestimmt will er nur seinen Punkt zu Ende bringen und dann gespannt zuhören. So sieht ein Fehler aus, bevor er zuschlägt.

Ich fange also an: “Stellen Sie sich vor, Ihr einziges Kind wird entführt. Natürlich will sich das niemand vorstellen. Gleichzeitig verlangt Ihnen die Situation alles ab, was Ihr Oberstübchen hergibt. Denn Sie brauchen Ihre besten Lösungen …” Ja! Gut! Ich habe das Interesse der Leute gewonnen. Sie wollen wissen, wie es weiter geht. – Bis auf dem Schwätzer neben mir.

Ich habe schon vieles erlebt. Reden auf der offenen Bühne bei Messen, Blaskapellen im Nebenraum oder sogar Tanzproben, bei denen unser Saal mitgebebt hat. All das hat mich nie aus dem Konzept gebracht.

Der Schwätzer hat es geschafft.

Doch das ist Schnee von gestern. Viel interessanter ist die Frage, wie gehen wir mit solchen Störungen um?

Lokation

Fragst Du einen Redner, wo er seine Rede halten will, dann am liebsten in einem Saal mit toller Akustik, Licht und aktueller Technik. Das wäre auch meine Wahl. Allerdings heißt das nicht, dass es nicht auch etwas alternativer zugehen darf. Eine der besten Sternstunden für Unternehmer fand in einem kleinen Hanauer Café statt. 20 Sitzplätze, aber es kamen über 60 Zuschauer! Meine Zuhörer standen nur eine Armeslänge entfernt und der ganze Raum ging voll mit. Die Redner und das Publikum schaukelten sich gegenseitig in eine unfassbar tolle Atmosphäre. Am Ende bekamen wir minutenlang stehenden Applaus. Letzteres, weil ohnehin die meisten gerade standen. Seit dieser Erfahrung weiß ich, dass der Ort keine Rolle spielen muss, wenn das Publikum stimmt. Allerdings sollten wir uns nicht täuschen lassen.

Publikum

Wenn die Rede ein toller Erfolg ist, dann hast Du eine tolles Publikum. Wenn sie nicht so gut ist, war das Publikum vielleicht stoisch, uninteressiert oder einfach schon müde. Das ist natürlich Quatsch. Jeder Zuhörer bringt seine eigene Welt mit. Der eine hat Ärger mit seiner Frau, die andere ist gerade befördert worden, ein Dritter hat letzte Nacht schlecht geschlafen und einen Meetingmarathon hinter sich. Wer an ein homogenes Publikum glaubt, kann auch gleich noch einen Lottoschein abgeben.

Wie die Zuhörer reagieren, hängt vom Redner ab. Einen kleinen Einfluss hat auch der Moderator. Er kann die Spannung schüren und dem Redner vorab Glaubwürdigkeit verleihen. Beides hilft, aber darauf kommt es kaum an. Ich habe immer wieder einen Satz im Ohr, dessen Urheber ich vergessen habe: “Wenn der Referent sich auf die Rede konzentriert, macht er etwas falsch. Die Rede muss automatisch funktionieren und seine Konzentration beim Publikum liegen.” Damit kommen wir auf mein Waterloo (engl. für “WC”) zurück.

Vorbereitung des Redners

Was mich ausgerechnet an diesem Ort in Darmstadt dazu gebracht hat, Teile meines Vortrags umzuschreiben, weiß ich nicht. Sagen wir, es war Übermut. Wer Vorträge ändert und umschreibt, hat eigentlich was an der Schüssel. Denn ein bereits mehrfach gelaufener Vortrag ist tief im semantisches Gedächtnis eingegraben, manchmal sogar so sehr, dass Teile davon, wie die Gestik im prozeduralen Gedächtnis liegen. Innerhalb des Vortrags gibt es daher zahlreiche Gedächtnis-Marker, die den Redner zum ursprünglichen Vortrag leiten. Der Redner braucht dann sehr viel bewusste Kontrolle, um die neue Version des Vortrags zu halten.

Selbst bei intensiver Vorbereitung, kann sich der Redner dann nicht voll auf sein Publikum konzentrieren.

Ich kenne die Verhältnisse in Darmstadt gut. Ich hätte ich es besser wissen können.

Wichtigste Regel für jeden Vortrag: Sei so gut vorbereitet, dass die Worte automatisch aus Deinem Mund kommen, ohne dass Du auch nur einen Gedanken daran verschwenden musst.

Übrigens ein sehr gutes Beispiel war an diesem Tag in Darmstadt der Präsentationsprofi Matthias Garten. Er baute mit großer Leichtigkeit eine gute Beziehung zum Publikum auf. Jeder fand ihn sympathisch. Von dem Mann wollte jeder gerne etwas lernen..

Dieses Beispiel ist auch ein Plädoyer für eine gute Vorbereitung. Früher hatte Matthias eigentlich immer einen neuen Vortrag in Petto. Daher war er nie perfekt vorbereitet. Seitdem er “Präsentieren ist wie Busfahren” immer wieder hält, läuft es für ihn richtig gut. An dem Abend war er sogar der Beste von 6 Rednern. Allerdings hatte der Schwätzer auch inzwischen die Bar verlassen.

Während der Rede

Störer sind ärgerlich. Wie gehen wir mit ihnen im Publikum um? Jeder Störer weiß, was er tut. Daher dürfen wir als Redner ihn auch gerne involvieren. Zum Beispiel holen wir ihn auf die Bühne, fragen ihn nach seinem Namen und nutzen ihn für ein kurzes Interview. Zum Beispiel für eine Frage, die wir sonst eher rhetorisch ins Publikum stellen. Das ist in zweierlei Hinsicht sinnvoll. Zum einen macht es die ganze Sache interaktiv. Zum anderen möchte sich für die Dauer des Vortrags keiner mehr mit ihm unterhalten, um nicht auch auf die Bühne zu müssen. Währenddessen bleiben wir immer respektvoll, denn wir wollen niemanden bloßstellen.

Neben dem Störer gibt es auch oft den Provokateur, der beinahe alles tun wird, um seine unbequemen Fragen loszuwerden. Fragen Sie auch ihn auf jeden Fall nach seinem Namen. Denn er möchte vom ganzen Publikum als wichtig wahrgenommen werden.

Hier haben wir mehrere alternative Antworten:

  1. “Das ist eine eine intelligente Frage, auf dich ich hier und jetzt leider auch keine Antwort weiß.”
  2. “Die Frage habe ich im Vortrag schon beantwortet.” + <kurze Zusammenfassung>
  3. “Sie haben sich Ihre Frage bereits selbst beantwortet. Vielen Dank! Das war perfekt!”
  4. “Das hat hier leider keinen Platz. Sprechen Sie mich bitte nach meinem Vortrag noch einmal an.”
  5. Kurze Antwort auf eine berechtigte Frage.

Antworten (2) und (3) sind ein wenig heikel. Denn natürlich könnte der Frager hier insistieren. In der Regel wird er es allerdings unterlassen. Denn nach Antwort (2) sieht er so aus, als hätte er dem Vortrag nicht folgen können. Wenn er Antwort (3) nicht versteht, könnte er als nicht so überlegen dastehen, wie er sich fühlen möchte.

Antwort (1) erfüllt seinen Bedarf, sich vor dem übrigen Publikum als wichtig und überlegen zu produzieren. Dem Redner schadet die Antwort hingegen nicht, weil er kein Übermensch sein muss. Im Gegenteil, das Zugeständnis, etwas nicht zu wissen, zeugt von innerer Größe.

Antwort (4) ist natürlich die klassische Abfuhr. Der Provokateur hat sich mit seiner Frage zu weit vom Thema entfernt. Sie ist für den Rest des Publikums nicht relevant. Diese Antwort nutzen wir daher lieber sehr sparsam. Denn allzu leicht könnten wir jemanden damit vor den Kopf stoßen.

Alle vier Antworten sorgen in der Regel für Ruhe. Es schadet allerdings nicht, vorab mit dem Moderator zu reden, damit er bei zu vielen Fragen eingreift und auf den Frage-und-Antwort-Teil vertröstet. Er kann im Falle des Falles auch Antwort (4) für uns geben. Damit sind wir aus dem Schneider.

Der Schwätzer

Warum bin ich mit dem Schwätzer so nicht umgegangen? Das liegt an den Umständen in der Weststadtbar. Nicht alle Gäste sind zur Sternstunde für Unternehmer gekommen. Es gibt auch normale Gäste, die einfach nur etwas dort trinken wollen. Der Schwätzer fühlte sich vielleicht sogar durch die Vorträge gestört. Deshalb fehlten mir als Redner die Mittel, ihn zum Schweigen zu bringen. Vielleicht hätte der Moderator zu ihm gehen können um an seinen Anstand zu appellieren. Fällt Dir eine gute Lösung ein?

Handy-Klingeln und andere Intermezzi

Es gibt eigentlich keine Rede, bei der kein Handy klingelt. In der Regel ignoriere ich es. Manchmal trifft es aber genau eine bedeutungsvolle Pause meiner Rede. Die Aufmerksamkeit vom Publikum wendet sich dann dem Klingeln zu. Ich habe in solchen Fällen gerne schon eine frotzelnde Bemerkung losgelassen: “Müssen Sie da ran gehen? Wir warten gerne so lange!” Danach ist die Sache abgeschlossen und wir können fortfahren, weil die Aufmerksamkeit wieder bei mir ist.

Einmal gingen plötzlich die Türen auf und der Caterer wollte das Buffet reinfahren. Im ersten Moment war ich natürlich auch wie erstarrt. Doch dann meinte ich nur “Danke, dass Sie an mich gedacht haben. Aber ein stilles Wasser reicht mir!” Die Türen gingen wieder zu und ich bekam tatsächlich wenig später eine frische Flasche stilles Wasser.

Machen Sie solche Ereignisse zum Teil Ihrer Präsentation, anstatt sich davon aus dem Konzept bringen zu lassen. Denken Sie: Was könnte dieses Ereignis mit meiner Rede zu tun haben? Die Sache mit dem Wasser ist daher eher einfallslos. Aber Du musst mit dem arbeiten, was Du hast.

Dann gibt es natürlich noch die unvermeidlichen Fotografen und Videofilmer. Mich persönlich stört das nicht. Ich blende sie aus, weil sie für mich dazu gehören. Es gibt Kollegen, die sich vom Fotografen gestört fühlen und kein Blitzlicht zulassen.

Wer das nicht ertragen kann, sollte auch kein Redner sein. Wir haben heute so viele Kanäle, über die unsere Leistung verteilt wird. Daher gehören gute Fotos genauso zum Geschäft, wie Videos.

Jedes Publikum hat seine Wanderer. Zuschauer kommen zu spät oder verlassen gar den Saal wieder. Letzteres hat auch schon den einen oder anderen Kollegen irritiert. Denn es wirkt wie eine Abstimmung mit den Füßen.

Tatsächlich kennen wir die Gründe nicht. Einmal hat eine Gruppe Führungskräfte meinen Vortrag mittendrin geschlossen verlassen. Später erfuhr ich, dass sie solange zugehört hatten, wie es ging. Aber sie mussten zu einer Dringlichkeitssitzung, die sich leider nicht verschieben ließ, sonst hätte es Streik gegeben.

Wanderer sind normal, egal ob sie kommen oder gehen. Von ihnen dürfen wir uns nicht irritieren lassen.

Fazit

Störungen wird es immer geben. Gute Redner lassen sich davon nicht aus dem Konzept bringen. Wenn es dann doch einmal passiert, dürfen wir etwas daraus lernen. Warum auch nicht?

Wer perfekt sein will, sollte sich ein Beispiel an der Raumfahrt nehmen. Wie viele Trägerraketen hat die russische Raumfahrt in den letzten Jahren verloren, wie viele die NASA? Obwohl es hier um unfassbar viel Geld geht, lässt sich Fehlerlosigkeit nicht kaufen. Warum sollte ich dann an Perfektion auch nur einen Gedanken verschwenden? Mein Ziel ist es, jedes Mal ein bisschen besser zu sein, als beim letzten Mal. Das ist nun wirklich keine Raketenwissenschaft!

Obwohl ich das weiß, wurmt mich nach wie vor eine Frage. Wie hätte ich mit dem Schwätzer in der Weststadtbar umgehen sollen? Hast Du eine Lösung?

One Comment

  1. Kai-Jürgen Lietz 7. November 2013 21:05

    :-)

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